Heimat hat viele Dimensionen

Mit einem Pop-up-Café unterwegs im Landkreis Nürnberg.


Das Projekt FrauenMobile, das vom Bundesprogramm Gesellschaftlicher Zusammenhalt finanziell gefördert und vom IB Süd durchgeführt wird, ist seit 2021 eine Quelle der Hoffnung für geflüchtete Frauen, die in Gemeinschaftsunterkünften im Landkreis Nürnberger Land leben. FrauenMobile hat zum Ziel, diesen Frauen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen, ihre gesellschaftliche und politische Teilhabe zu fördern und somit die Voraussetzungen für gelingende Integration zu schaffen. Die Projektleiterin Julia Seidl erweiterte die Zielgruppe kurzerhand auf Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen, kurz: FLINTA.

Julia Seidl erzählt von den letzten drei Jahren und schnell wird klar: Für diese Frau ist das Projekt eine Herzenssache. Im Jahr 2022 gewann FrauenMobile übrigens den zweiten Platz beim Mittelfränkischen Integrationspreis, eine Anerkennung für die engagierte Arbeit von Julia Seidl und ihren Mitstreiter*innen. Der Start des Projekts im Jahr 2021 fiel in eine denkbar schwierige Zeit, mitten in den Lockdown, mit den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen. Trotz dieser Herausforderung schaffte es Julia Seidl, die ersten Kontakte zu knüpfen: Der mobile Ansatz und das Pop-up-Café, das im Freien aufgebaut wird, machten es möglich. Julia Seidl stand während der Projektlaufzeit ein Fahrzeug zur Verfügung, beladen mit einem Pavillon, einem Tisch, Stühlen, Getränken und Kuchen steuerte die Sozialpädagogin nacheinander alle Gemeinschaftsunterkünfte im Landkreis an. Dort baute sie dann ihr mobiles Café auf und war bereit für den Austausch. Der Erstkontakt mit der von ihr anvisierten Zielgruppe kam meist über haupt- oder ehrenamtliche Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen zustande. Es dauerte aber nicht lange, bis Julia Seidl mit ihrem Pop-up-Café in den Unterkünften bekannt wurde und die Frauen* begannen, sich auf ihre Besuche zu freuen. Geflüchtete Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften im ländlichen Raum leben, sind oft weit abgeschnitten von Flüchtlings- und Integrationsberatung und Anlaufstellen, wo ihnen Hilfe gewährt wird. Die Unterkünfte haben oftmals nur einen Hausmeister und manchmal nicht einmal das. Ratsuchende Menschen sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, da die hauptamtlichen Beratungsstellen meist nur in größeren Städten tätig sind. Genau hier setzt das Projekt FrauenMobile an. Das Projekt umfasst verschiedene Elemente: Zum einen das Pop-up-Café, wo Julia Seidl allein oder mit fachlicher Begleitung zu verschiedenen Themen informiert und berät.

Ein ganz zentraler Baustein des Konzepts war darüber hinaus die Schulung von Multiplikator*innen. Dafür eigneten sich oftmals Frauen*, die bereits seit einigen Jahren in Deutschland sind und über erweiterte Deutschkenntnisse verfügen. Julia Seidl betont, wie wichtig die Arbeit dieser Multiplikator*innen ist: „Die Multiplikator*innen haben meist ähnliche Fluchterfahrungen gemacht wie die neu angekommenen Frauen*, das schweißt zusammen, da besteht einfach nochmal eine ganz andere Ebene der Verständigung.“ Die Multiplikator*innen wurden fachlich geschult, unter anderem zu Themen wie „Bildung und Arbeit“, „Gesundheit“, „Gewaltschutz“ und „Aufenthaltsrecht“. Ziel war es, belastbare Netzwerke zu initiieren. In Sammelunterkünften für geflüchtete Menschen leben oftmals nicht nur Neuankömmlinge, tatsächlich harren viele Familien seit fünf Jahren oder sogar noch länger dort aus, schlichtweg weil sie keine Wohnung finden. Und trotzdem gelingt es vielen dieser Menschen, selbst unter diesen widrigen Bedingungen, dort so etwas wie eine Heimat zu finden.

Julia Seidl hat inzwischen gelernt, dass Heimat nicht nur eine Dimension hat, sondern viele, dass Heimat sozusagen im Plural gedacht werden muss, als „Heimaten“. Es gibt nicht nur die eine Heimat, den Ort, an dem man aufgewachsen ist, die Kultur, in die man hineingewachsen ist. Heimat entsteht auch an neuen Orten, wo Menschen sich wohlfühlen, wo sie und ihre Kinder sicher und in Frieden leben dürfen und zumindest Hoffnung auf eine Perspektive, auf ein Vorankommen besteht. Julia Seidl hat die Erfahrung gemacht, dass es für viele Menschen auch schön und tröstlich ist, sich mit anderen aus ihrem Ursprungsland zu treffen, das vertraute Essen, die Musik und die Traditionen miteinander zu genießen. Das ist kein Widerspruch dazu, dass auch Deutschland Heimat werden kann, weiß Julia Seidl: Heimat hat einfach viele Dimensionen und Facetten und das, was für Menschen Heimat ist, wandelt und erweitert sich im Laufe eines Menschenlebens in einem dynamischen Prozess.

Das Projekt FrauenMobile läuft Ende 2023 aus, es war von Anfang an auf eine Laufzeit von drei Jahren ausgelegt. Natürlich ist Julia Seidl ein wenig traurig, dass ihre Zeit mit den geflüchteten Frauen* nun zu Ende geht, sie sind ihr in den drei Jahren doch sehr ans Herz gewachsen. Aber sie ist überzeugt davon, dass ihre Arbeit Früchte tragen wird. Mit Hilfe der von ihr initiierten Maßnahmen wird das Netzwerk weiter wachsen und die Frauen* werden eigenverantwortlicher und selbstbestimmter als zuvor ihren Weg gehen können.


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