„Wenn ich eine Perspektive habe, bin ich in mir zuhause“

Großstadt Kramatorsk in der Ukraine. Familie R. sitzt im abgedunkelten Wohnzimmer eng aneinandergedrückt nebeneinander. Draußen schlagen in einiger Entfernung Bomben und Raketen ein – gefühlt jedoch 20 Meter neben dem Wohnhaus. Fenster zersplittern, es kracht und hallt ohrenbetäubend, Flammen sind am Horizont zu sehen. Die Angst, getroffen zu werden und sterben zu müssen, sitzt bei allen tief.


Der 17-jährige Andriy lässt sich von seiner Mutter umarmen. Sie verabschiedet ihren Sohn, der mit einem Zug nach Deutschland flüchten wird. Der Vater befindet sich seit Wochen im Krieg. Nun hat der Familienrat beschlossen, dass Andriy der Familie von Deutschland aus helfen soll. Er ist stark und mutig, er soll ein sicheres Leben führen, einen Schulabschluss machen und wenn endlich wieder Frieden herrscht, in seine Heimat zurückkehren. Falls der Krieg andauert soll er sich in Deutschland eine Existenz aufbauen und die zurückbleibende Familie finanziell unterstützen. So – oder so ähnlich – wie die Geschichte des fiktiven Andriy, könnten die Fluchtverläufe der 16 ukrainischen Schüler*innen lauten, welche die Berufsintegrationsklasse (BIK) an der Berufsschule in Fürstenfeldbruck besuchen. Unter ihnen sind minderjährige und unbegleitete junge Menschen, die ohne erwachsene Familienmitglieder nach Deutschland geflüchtet sind. Im September 2022 hat die IB Süd Einrichtung Jugendhilfe & Migration für die ukrainischen geflüchteten Jugendlichen eine eigene Berufsintegrationsklasse mit einer ukrainischen Lehrerin eingerichtet. Im ersten Schuljahr haben die Jugendlichen vor allem Deutsch gelernt. Im zweiten Schuljahr stehen Praxisorientierung, das weitere Erlernen der deutschen Sprache und Berufspraktika auf dem Lehrplan. „Unsere ukrainischen Schüler*innen haben eine sehr starke Verbindung zu ihrer Heimat“, sagt Judith Eberhard, die bei der IB Süd Einrichtung Jugendhilfe & Migration für Projektentwicklung, Qualitätsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und sich auch um Fundraising und Spenden kümmert. Die jungen Ukrainer*innen seien hochmotiviert, einen deutschen und gleichzeitig einen ukrainischen Schulabschluss zu machen. Denn eines sei klar: „Sie wollen die Zeit in Deutschland nutzen, um nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zu machen und später ihre Familie finanziell zu unterstützen.“ Die Lehrkräfte und Sozialpädagogen*Sozialpädagoginnen in Fürstenfeldbruck wollen den Jugendlichen eine Perspektive geben für ihre Zukunft“, erklärt sie. „Oft sind Jugendliche nach der Flucht aus ihrer Heimat traumatisiert und wissen erst einmal nicht, wie es weitergehen soll. Wenn sie mit Unterstützung eine neue Perspektive entwickeln können, finden sie wieder zu ihren eigenen Stärken und können ihre Ressourcen weiterentwickeln. Sie finden dann eine Heimat in sich selbst, sind in sich zuhause. Das gibt ihnen Kraft für ihren weiteren Weg.“ Wichtig ist, dass Raum für alle Gefühle da ist: „Die Jugendlichen haben natürlich auch immer wieder Heimweh. Sie vermissen ihre Eltern, die Familie und ihre Freunde, um die sie sich sorgen. Sie vermissen ihr altes vertrautes Leben. Und natürlich kommt auch Wut hoch.“ All diese Gefühle zuzulassen und damit umzugehen, ist auch ein Teil der begleiteten Integration. Neben dem Schulbesuch in Deutschland nehmen die Schüler*innen online am Schulunterricht der Ukraine teil, um parallel einen ukrainischen Schulabschluss zu erwerben. Am Anfang war das nur über ihre Handys möglich, Laptops hatten sie keine. Aber dann sollten mit der Rest-Cent-Spende der UniCredit Bank dieses Jahr Projekte im Bildungsbereich unterstützt werden. Als Judith Eberhard davon erfuhr, nahm sie sofort Kontakt zur BIK-Koordinatorin Firengiz Degler auf und die beiden reichten einen Projektvorschlag mit der ukrainischen BIK-Klasse ein. Der Vorschlag wurde von den Mitarbeitenden der Bank ausgewählt. „Es freut mich immer, wenn ich die engagierte Arbeit meiner Kollegen*Kolleginnen vor Ort durch Spendenakquise unterstützen kann“, sagt Judith Eberhard. Insgesamt 22.844,75 Euro wurden gespendet für den Kauf von Laptops. Der IB Kollege Tim Ranft kümmerte sich um den Kauf von 40 Laptops inklusive Zubehör. Die Schüler*innen der BIK-Klasse behielten allerdings nur 19 Laptops und spendeten 21 der Geräte an eine Schule in der Ukraine, die bereits zweimal bombardiert worden war. Die ukrainische Lehrerin der Klasse, Alla Mozgova organisierte den Transport der Laptops an diese Schule in der Stadt Kramatorsk in der Region Donezk in der Ostukraine. „Das Gelingen eines solchen Projekts steht und fällt mit dem Engagement und der guten Zusammenarbeit von vielen Mitarbeitenden“, betont Judith Eberhard. Die berührenden Fotos der Kinder aus der Ukraine mit ihren neuen Laptops sind das schönste Geschenk für alle IB Mitarbeitenden, die sich für das Gelingen dieses Projektes einsetzten.

 

IB MEETeinander

Wenn Menschen gemeinsamen Interessen nachgehen, begegnen sie sich auf Augenhöhe. Unterschiede in Herkunft und Geschichte treten dabei in den Hintergrund. MEETeinander fördert die gemeinsame Freizeitgestaltung von Integrationskursteilnehmenden und der Aufnahmegesellschaft in Bamberg.
Weitere Infos unter www.internationaler-bund.de/standort/211755/


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