„Heimat ist kein Ort“

Was passiert, wenn ein internationales Lehrkräfte-Team die Gabe besitzt, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen? Es entsteht ein Standort, der wie ein Magnet wirkt und Heimat ausstrahlen kann. So geschehen beim Sprachinstitut Reutlingen des Internationalen Bundes.


367 Schüler*innen aus verschiedensten Nationen lernen derzeit am Sprachinstitut Reutlingen die deutsche Sprache. Dass an diesem Ort einmal so viele Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund unterrichtet werden, hätte sich die Leiterin des Sprachinstituts Stanislava Rilling im Jahr 2016 nicht einmal träumen lassen. Damals war sie noch als Lehrerin beim Sprachinstitut Tübingen (SIT) angestellt und es war lediglich geplant, mit einem Raum und einem Sprachkurs in Reutlingen präsent zu sein. Dies zumindest war der ursprüngliche Auftrag.

So unterrichtete sie selbst die ersten Schüler*innen in Reutlingen und es kamen nach und nach immer mehr dazu. „Aus einem Raum wurden vier und dann wurden es sechs und so hat sich alles weiterentwickelt“, erzählt die gebürtige Bulgarin, die im Alter von 17 Jahren nach Deutschland kam, um Deutsch als Fremdsprache zu studieren. Sie betont: „Auch wenn viele andere darunter gelitten haben: Uns hat die Coronakrise tatsächlich beim Wachsen geholfen.

Denn anstatt die Schule mit Beginn des ersten Lockdowns zu schließen, entwickelte das Lehrteam aus dem Stand heraus einen Online-Kurs und betreute die Schüler*innen parallel dazu intensiv per E-Mail. „Wir waren damals ja selbst völlig verunsichert von der Lage, weil wir nicht wussten, was uns erwartet. Aber uns motivierte der Gedanke an unsere Teilnehmenden, wieviel schlimmer musste es für sie sein, sie verstanden doch kein Deutsch. Wir mussten einfach einen Weg finden, sie weiter zu unterrichten“, sagt Stanislava Rilling.

So eingehend versorgt und ernst genommen zu werden, führte zu einer innigen Verbindung. „Wir haben in dieser Zeit keine Schüler*innen verloren und im verlängerten Lockdown sind alle mit uns online gegangen.“ Doch damit nicht genug: „Wir waren auch bundesweit die ersten, die nach vier Wochen einen hybriden Sprachkurs angeboten
haben.“ Abwechselnd wurden zehn Personen online und zehn Personen vor Ort unterrichtet.

Mittlerweile unterrichten fünf Festangestellte und zehn Honorarkräfte im Schichtbetrieb. Jede Klasse umfasst zwischen 20 und 25 Personen. Es stehen aktuell acht Räume zur Verfügung. „Die meisten Lehrkräfte sind Frauen mit Migrationshintergrund, die jung nach Deutschland gekommen sind, um eine Ausbildung zu machen oder zu studieren und dann diesen Beruf für sich gewählt haben.“

Für Menschen, die nach Deutschland flüchten, sei die Sicherheit für sich und ihre Kinder zunächst einmal das Wichtigste, so Stanislava Rilling. Damit Menschen aber überhaupt kommunizieren können, sei Sprache zentral wichtig. „Wenn sie wenig Probleme und Sorgen haben möchten, müssen sie selbständig sagen können, was ihnen fehlt, was ihre Bedürfnisse sind“, zählt Stanislava Rilling auf. „Und erst wenn ich meinen Alltag und meine Infrastruktur organisiert habe, beginnt das Gefühl, ich bin angekommen.“

Außerdem sei das Ankommen ein Prozess, der viel mit Freundschaften und Menschen im Umfeld zu tun habe. Die Schule in Reutlingen sei vermutlich auch deshalb zur Heimat für viele Menschen geworden, weil die Lehrkräfte alle den Weg der Schüler*innen gegangen seien. Dadurch falle es ihnen leicht, sich in ihr Gegenüber hineinzudenken. „Unser Team reagiert sofort und unterstützt, wenn Schüler*innen Probleme haben.“ Zudem seien die Lehrkräfte oftmals Vorbilder für die Schüler*innen. „Denn sie haben es geschafft, hier anzukommen.“

Rillings Erfahrung zeigt: „Menschen fühlen sich in Deutschland angekommen, wenn die Menschen um sie herum auch offen für sie sind. Es ist nicht der Ort, sondern die Menschen machen die Heimat.“ Und Sprache ist der Schlüssel dazu, diesen Prozess in Gang zu setzen. Stanislava Rilling geht jeden Tag gerne zur Arbeit. „Bei uns hängen überall Bilder und Basteleien von Kindern unserer Teilnehmer*innen an den Wänden, wir haben eine schöne Atmosphäre am Sprachinstitut.“ Als im Februar 2022 der Ukraine-Krieg begann, reagierte Stanislava Rilling schnell, besuchte eine Unterkunft und fragte die Menschen, wie sie helfen und unterstützen kann: „Innerhalb eines Tages meldeten sich 60 ukrainische Frauen zum Sprachkurs an – ich hatte mit maximal 20 Frauen gerechnet.“

Das sprengte sämtliche Kapazitäten. Ein Umzug in die heutigen acht Räume war erst für Juli 2022 geplant, glücklicherweise konnte dieser Umzug vorgezogen werden. „So konnten wir gleich mit drei weiteren Kursen beginnen und die Lehrer*innen haben alles gegeben, damit sich die Frauen wohlfühlen.“ Man habe miteinander geweint und gelacht. In dieser Zeit wurde auch mit Überwindung großer bürokratischer Hürden eine Kinderbetreuung organisiert. „Nur so konnten diese Frauen den Sprachkurs besuchen“, betont Stanislava Rilling. Leider läuft dieses Projekt Ende 2023 aus. Aber wie könnte es bei solch geballter Power auch anders sein: „Ich habe schon eine Lösung in Sicht.


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